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Moderne Beziehungsformen: Warum ich Polyamorie und offene Beziehungen für toxisch halte – und was das mit uns selbst zu tun hat

  • Autorenbild: Simone
    Simone
  • 1. Aug. 2025
  • 3 Min. Lesezeit

Ich war dort. Ich habe Polyamorie ausprobiert.

Ich war in offenen Beziehungen.


Ich habe an das große Ideal von Liebe ohne Besitz geglaubt, an das romantische Konzept, dass wir Menschen frei sind, dass Liebe sich nicht begrenzen lässt, dass Eifersucht nur ein Zeichen mangelnder Entwicklung ist. Klingt ja alles ganz schön spirituell aufgeklärt, oder? Leider ist es in der Praxis oft nicht viel mehr als ein hübsch verpackter Selbstbetrug.


Denn je tiefer ich in diese Beziehungskonzepte eintauchte, desto deutlicher wurde mir: Das hat mit Freiheit meistens herzlich wenig zu tun. Und mit Liebe oft noch weniger. Viel häufiger habe ich erlebt, dass Menschen sich auf solche Konstrukte einlassen, nicht weil sie so mutig, klar oder bewusst sind – sondern weil sie schlichtweg Angst haben. Angst vor Nähe. Angst vor Verlassenwerden. Angst davor, etwas zu verpassen. Angst, wirklich gesehen zu werden. Und ja – Angst vor Commitment.





Die Idee, Monogamie sei „schuld“ an unglücklichen Beziehungen, ist verführerisch.


Ein bequemes Feindbild. Wenn es mit dem Partner oder der Partnerin nicht klappt, liegt’s natürlich am Konzept. Das Problem wird externalisiert. Der Rahmen ist falsch, nicht ich. Also öffnen wir die Beziehung, versuchen es polyamor, "bewusst", "entwickelt". Was dann folgt, ist oft Chaos im schicken Outfit: mehr Unsicherheit, mehr Verletzungen, mehr emotionale Schräglagen – aber mit ganz viel Theorie dazu.


Ich habe Menschen gesehen, die sich in offenen Konstellationen regelrecht auflösten. Die ihre Bedürfnisse rationalisierten, ihre Eifersucht spiritualisierten und ihre Sehnsucht nach Exklusivität als „Besitzdenken“ abtaten – während sie innerlich zerbrachen. Und ich habe Paare erlebt, die ihre Beziehung „geöffnet“ haben, nicht weil sie frei und selbstbestimmt waren, sondern weil sie nicht den Mut hatten, sich mit ihren eigenen Themen auseinanderzusetzen, Angst hatten vor dem Alleinsein, Angst vor den finanziellen Konsequenzen, welche eine Trennung mit sich gebracht hätte. Also wurde das Konstrukt verändert, in der Hoffnung, dass sich dadurch die Probleme erledigen. Newsflash: Shit in, shit out. Wenn du emotionaler Müll bist, bringt dir auch ein neues Beziehungsmodell keinen Frühlingsduft.


Viele leben dann in dieser Illusion von Freiheit und Freude, während sie in Wahrheit nur ihre alten Muster perpetuieren. Sie wiederholen Beziehungserfahrungen aus der Kindheit, aus früheren Traumata – Nähe-Distanz-Spielchen, Kontrollverhalten, Verlustangst. Wer Liebe nur mit Drama kennt, findet in offenen Konstrukten erstmal reichlich Futter. Es fühlt sich vertraut an. Aber nicht alles, was sich vertraut anfühlt, ist auch gesund. Pro-Tipp: Höchstwahrscheinlich scheiterten die monogamen Bezihungen an genau diesen alten Mustern.


Und hier kommt das große Paradox: Offene Beziehungen und Polyamorie könnten theoretisch funktionieren


wenn alle Beteiligten emotional unabhängig, selbstreflektiert, sich selbst liebend und im Reinen mit sich wären. Aber genau solche Menschen haben es schlichtweg nicht nötig, in komplizierte Konstrukte zu fliehen. Sie kennen ihren Wert. Sie suchen keine Bestätigung durch zehn parallele Liebesoptionen. Sie brauchen kein Beziehungsmodell als Kompensation für ein schwankendes Selbstwertgefühl.


Natürlich – das hier ist meine Sicht.

Meine Erfahrung.


Ich will niemandem sein Lebenskonzept madig machen. Jeder Mensch darf (und sollte!) selbst herausfinden, was funktioniert, was scheitert und was man daraus lernen kann. Ich bin froh, diese Erfahrungen gemacht zu haben – nicht, weil sie besonders schön waren, sondern weil sie mir schonungslos gezeigt haben, wo ich selbst noch blind war. Und dass der Spiegel, den wir in Beziehungen sehen, immer zuerst uns selbst zeigt – egal, ob monogam, polyamor oder was auch immer.


Letztlich geht es nicht um das Modell. Es geht um dich. Und wenn du ehrlich hinschaust, findest du die Antwort nicht in der Anzahl deiner Liebespartner, sondern in deiner eigenen Fähigkeit, dich selbst auszuhalten. Allein. Und in echter Intimität.


Wer das kann, hat die Wahl. Alle anderen haben Konzepte.

 
 
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