top of page

Mentale Erschöpfung ist kein persönliches Versagen, sondern ein strukturelles Phänomen

  • Autorenbild: Simone
    Simone
  • 3. Dez. 2025
  • 3 Min. Lesezeit

„Ich bin müde – aber nicht von der Arbeit. Ich bin müde vom Denken. Vom Planen. Vom Merken. Vom Kümmern.“


Es ist diese stille Erschöpfung, die sich nicht in Stunden messen lässt. Kein Drama, kein Burnout – nur ein leises Ausbrennen im Inneren. Der Kopf läuft weiter, auch wenn der Körper längst ruht. Habe ich die E-Mail schon beantwortet? Wer kauft das Geschenk für morgen? Warum bin ich eigentlich immer diejenige, die daran denkt?


Dieses leise, ständige „immer an alles denken müssen“ hat einen Namen: Mental Load.




Die Last, die man nicht sieht

Mental Load ist die unsichtbare, oft unbezahlte Denkarbeit, die den Alltag am Laufen hält – das Planen, Antizipieren, Erinnern.Sie verbraucht Energie, Konzentration und Schlaf – und bleibt dabei meist unsichtbar.


Laut der Soziologin Allison Daminger (2019, American Sociological Review) liegt diese mentale Verantwortung in heterosexuellen Partnerschaften weiterhin überwiegend bei Frauen – selbst dann, wenn beide gleich viel verdienen. Das hat nichts mit persönlichem Versagen zu tun, sondern mit jahrhundertelang gewachsenen Rollenbildern. Wir nennen es Liebe, Verantwortungsbewusstsein, Organisationstalent – und übersehen, dass es Arbeit ist. Mentale, emotionale, unsichtbare Arbeit.


Wenn das System müde macht

Unsere Kultur liebt Effizienz. „Strukturiere dich besser“, „Setz Prioritäten“, „Mach mehr Yoga“.Aber was, wenn das Problem gar nicht in uns liegt, sondern um uns herum?

Die Arbeitspsychologin Bettina Kohlrausch spricht von struktureller Erschöpfung: einer kollektiven Müdigkeit, die entsteht, weil unsere Gesellschaft auf Dauerbelastung, Multitasking und ständige Erreichbarkeit gebaut ist – während Care-Arbeit und mentale Verantwortung unsichtbar bleiben.


Mentale Erschöpfung ist also kein Zeichen mangelnder Belastbarkeit.Sie ist das Resultat einer Struktur, die Fürsorge als selbstverständlich, aber nie als wertvoll versteht.


Wenn du die Last (noch) nicht teilen kannst

Natürlich wäre die ideale Lösung: Gleichberechtigung, Care-Teams, geteilte Verantwortung.Aber was, wenn du im Moment niemanden hast, der mitträgt?

Dann beginnt Entlastung im Kleinen:

  1. Mach sichtbar, was du trägst.Schreib es auf – jedes kleine „Ich muss noch...“. Sichtbarkeit macht Gewicht spürbar und Veränderung möglich.

  2. Sprich es aus.Sag, was dich überfordert. Nicht um zu klagen, sondern um Bewusstsein zu schaffen – bei dir und anderen.

  3. Setze mentale Grenzen.Nicht jedes To-do ist ein Notfall. Nicht jeder Gedanke verdient deine sofortige Aufmerksamkeit.

  4. Übe mentales Loslassen.Microbreaks, Journaling oder Achtsamkeit helfen laut Studien (Brosschot et al., 2018), das Stresssystem zu regulieren. Mentale Ruhe ist keine Pause von der Arbeit – sie ist Arbeit.


In meinem Coaching: Vom Tragen zum Verteilen

Klient:innen kommen zu mir mit genau dieser stillen Erschöpfung. Sie sind leistungsfähig, reflektiert, stark – aber müde vom inneren Dauerlauf. Im Coaching geht es dann nicht darum, noch effizienter zu werden, sondern leichter.


Wir beleuchten gemeinsam, was sie tatsächlich tragen – sichtbar und unsichtbar.Wir sortieren Verantwortlichkeiten, entlarven alte Glaubenssätze („Ich muss das alles schaffen“) und entwickeln Strategien, um mentale Last zu teilen, zu reduzieren oder bewusster zu halten. Es ist kein schneller Prozess, aber ein befreiender. Denn wer erkennt, was er trägt, kann beginnen, etwas abzugeben – ohne Schuldgefühl.


Mentale Erschöpfung ist kein persönliches Versagen.Sie ist ein stiller Beweis dafür, wie viel du gibst – und wie wenig Systeme das auffangen.

Vielleicht ist wahre Stärke nicht das Durchhalten,sondern das Erkennen, dass du zu viel trägst –und dass du es nicht allein tragen musst.


Quellen:

  • Daminger, A. (2019). The Gender Division of Cognitive Labor. American Sociological Review, 84(4), 609–633.

  • Kohlrausch, B. (2021). Mental Load und strukturelle Erschöpfung. Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung.

  • Brosschot, J. F., Verkuil, B., & Thayer, J. F. (2018). The default response to uncertainty and the importance of perceived safety. Psychoneuroendocrinology, 91, 460–467.

  • Lenz, R. (2022). Mental Load erkennen und teilen. Beltz Verlag.

 
 
bottom of page