Bindungsstile verstehen: Warum wir lieben, wie wir lieben
- Simone

- 6. Aug. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Warum geraten manche Menschen immer wieder in dysfunktionale Beziehungen, während andere Nähe meiden oder sich schnell abhängig fühlen? Die Antwort auf diese Frage liegt oft in unserem Bindungsstil – einem psychologischen Muster, das unser Beziehungsverhalten prägt und auf frühen Kindheitserfahrungen basiert.
Was ist ein Bindungsstil?
Die Bindungstheorie wurde in den 1950er-Jahren vom britischen Psychologen John Bowlby entwickelt. Sie beschreibt, wie wir in unserer Kindheit Bindungen zu primären Bezugspersonen aufbauen – und wie diese frühen Erfahrungen Einfluss auf unser Verhalten in späteren (romantischen) Beziehungen nehmen. Die Psychologin Mary Ainsworth ergänzte diese Theorie durch empirische Forschung und entwickelte eine Klassifikation verschiedener Bindungstypen, die bis heute wissenschaftlich anerkannt sind.
Die vier Bindungsstile im Überblick
1. Sicherer Bindungsstil
Menschen mit einem sicheren Bindungsstil haben gelernt, dass Beziehungen verlässlich sind. Sie empfinden emotionale Nähe als angenehm, können ihre Gefühle ausdrücken und haben keine Angst vor Zurückweisung oder Abhängigkeit.
Forschung: Studien zeigen, dass etwa 50–60 Prozent der Erwachsenen in westlichen Gesellschaften diesem Typ zugeordnet werden (Mikulincer & Shaver, 2007).
Hinweis für Beziehungen: Menschen mit sicherem Stil sind in der Regel stabile Partnerinnen und Partner, die offen kommunizieren und mit Nähe gut umgehen können.
2. Ängstlich-ambivalenter Bindungsstil
Menschen mit diesem Bindungsmuster erleben häufig starke Verlustängste. Sie sehnen sich nach Nähe, sind gleichzeitig jedoch sehr sensibel für mögliche Ablehnung. Das führt oft zu klammerndem Verhalten, Eifersucht und einem geringen Selbstwertgefühl.
Forschung: Dieser Stil wird häufig durch inkonsistentes oder unvorhersehbares Verhalten der Bezugspersonen in der Kindheit geprägt (Cassidy & Shaver, 2008).
Hinweis für Beziehungen: Betroffene können lernen, ihre Selbstwahrnehmung zu stärken und emotionale Sicherheit nicht ausschließlich durch äußere Bestätigung zu suchen.
3. Vermeidender Bindungsstil
Vermeidend gebundene Menschen fühlen sich durch emotionale Nähe schnell überfordert. Sie vermeiden Abhängigkeit, erscheinen oft unabhängig und distanziert. Dahinter steht jedoch häufig die Angst vor Verletzlichkeit.
Forschung: Dieser Stil steht oft in Verbindung mit emotionaler Vernachlässigung oder Ablehnung in der Kindheit (Fraley & Shaver, 2000).
Hinweis für Beziehungen: Wer diesen Stil erkennt, kann gezielt daran arbeiten, Vertrauen zuzulassen und emotionale Bedürfnisse nicht länger zu unterdrücken.
4. Desorganisierter Bindungsstil
Dieser Stil ist durch ein widersprüchliches Verhalten in Beziehungen gekennzeichnet: Menschen mit desorganisiertem Bindungsstil sehnen sich nach Nähe, haben aber gleichzeitig Angst davor. Sie schwanken zwischen Rückzug und Bedürftigkeit.
Forschung: Häufig resultiert dieser Stil aus traumatischen Kindheitserfahrungen wie Missbrauch oder chronischer Vernachlässigung (Lyons-Ruth & Jacobvitz, 2008).
Hinweis für Beziehungen: In vielen Fällen ist professionelle therapeutische Begleitung notwendig, um diesen tiefsitzenden inneren Konflikt zu bearbeiten.

Warum ist das Wissen über Bindungsstile so wichtig?
Unser Bindungsstil beeinflusst unbewusst, wen wir attraktiv finden, wie wir mit Konflikten umgehen und wie wir Nähe und Autonomie in Beziehungen aushandeln. Die gute Nachricht: Bindungsstile sind formbar. Selbst wenn sie tief verankert sind, lassen sich Muster erkennen, verstehen – und verändern.
Ein erster Schritt zur Veränderung
Ein bewusster Blick auf vergangene Beziehungserfahrungen ist oft der Schlüssel. Folgende Fragen können helfen:
Wie reagiere ich, wenn mir jemand emotional nahe kommt?
Habe ich häufig Angst, verlassen oder verletzt zu werden?
Kommen bestimmte Beziehungsmuster immer wieder vor?
Zur Selbsterkenntnis eignet sich beispielsweise der wissenschaftlich fundierte ECR-Fragebogen (Experiences in Close Relationships; Brennan, Clark & Shaver, 1998), der helfen kann, den eigenen Bindungsstil besser einzuordnen.
Wer Veränderung anstrebt, kann im Alltag kleine Schritte gehen – etwa durch ehrliche Kommunikation, das Erlernen emotionaler Selbstregulation oder die bewusste Auseinandersetzung mit Nähe und Distanz. In manchen Fällen ist eine therapeutische Begleitung sinnvoll oder sogar notwendig, um alte Muster zu durchbrechen.
Wir lieben nicht zufällig so, wie wir lieben. Unsere frühen Beziehungserfahrungen prägen uns – aber sie definieren uns nicht. Bindungsstile zu verstehen ist der erste Schritt auf dem Weg zu gesünderen, bewussteren Beziehungen. Wer sich selbst und seine inneren Muster kennt, kann nicht nur bessere Partnerschaften führen, sondern auch ein tieferes Verständnis für andere entwickeln.
Ausgewählte Quellen:
Mikulincer, M., & Shaver, P. R. (2007). Attachment in Adulthood: Structure, Dynamics, and Change.
Cassidy, J., & Shaver, P. R. (2008). Handbook of Attachment: Theory, Research, and Clinical Applications.
Fraley, R. C., & Shaver, P. R. (2000). Adult romantic attachment: Theoretical developments, emerging controversies, and unanswered questions.
Brennan, K. A., Clark, C. L., & Shaver, P. R. (1998). Self-report measurement of adult attachment: An integrative overview.
Lyons-Ruth, K., & Jacobvitz, D. (2008). Attachment disorganization: Genetic factors, parenting contexts, and developmental transformation from infancy to adulthood.



